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Zum Vergleich: Werwölfe in Europa
Es sieht fast so aus, als ob hinter dieser "Werwolf"-Darstellung ein Konzept
steht, das aus Europa oder zumindest Sibirien importiert wurde. Aber es
gibt in einigen Regionen Japans (wie Shikoku) auch den Glauben, dass
besonders haarige Menschen von solchen Wölfen abstammen die einst
menschliche Gestalt annahmen (den schon erwähnten stark behaarten
Ainu wird analog dazu eine Abstammung von Hunden nachgesagt). Zum
Vergleich: alle europäischen Völker kennen Werwolf-Sagen, von der Antike
bis mindestens zum 17. Jahrhundert. Männer und Frauen waren darin fähig,
sich in Wölfe zu verwandeln, zeitweise oder ständig, freiwillig oder
durch den Fluch des Teufels oder einer Hexe. Manchmal war die
Verwandlung eine Strafe für Todsünden oder den Verzehr von
Menschenfleisch. Diese erzwungene Metamorphose dauerte oft sieben oder
neun Jahre bis zur Rückverwandlung. Die freiwillige Verwandlung wurde meistens
durch das Tragen eines Wolffells, oder eines Gürtels aus diesem,
erreicht und durch das ablegen dieser Kleidung beendet. Aber auch andere
Ursachen waren nicht unbekannt, insbesondere Zaubertrunke, die mit dem
Körper des Tieres zu tun hatten. Herodotus erzählt von den Neuri, einem
osteuropäischen Volk, das sich so jedes Jahr für ein paar Tage
verwandelte. Werwölfe trieben sich im Allgemeinen nur Nachts herum und
erhielten ihre menschliche Gestalt mit Tagesanbruch zurück.
Der Hauptgrund dafür ein Werwolf zu werden war die Befriedigung eines Hungers
nach Menschenfleisch oder eines ähnlich abscheulichen Verlangens. Ein
Autor schrieb 1628: "Die Werwölfe sehen nicht nur aus wie Wölfe, ihre
eigenen Gedanken haben Gestalt und Wesen der Wölfe. Und sie benehmen
sich genau wie Wölfe in ihrem Kümmern und ihrem Töten." Besonders
Frankreich wurde im 16. Jahrhundert von Werwölfen heimgesucht, es gab
zahllose Gerichtsverfahren wegen Mord und Kannibalismus in der Gestalt
eines loup garou. In England war der Wolf völlig ausgerottet,
die Anklage gegen Hexen lauteten dort daher nicht, dass sie zu
"warwoolfes" werden, sondern eher zu Katzen, Hasen und Wiesel. Aber auch
in Preußen, Livland und Litauen richteten Werwölfe im 16. Jahrhundert
angeblich erheblich mehr Schaden an als wahre und natürliche Wölfe.
Allerdings waren Werwölfe, wie auch ihre Entsprechungen in Asien, nicht
immer boshaft gegen Menschen gewandte satanische Bestien. Sie dienten oft
auch der Kirche zur Verteidigung gegen Ketzer. Im Jahr 617 überfielen
Werwölfe ein Kloster und zerfetzten etliche Mönche, die abweichende
Meinungen pflegten. Es wird berichtet, dass im frühen 16. Jahrhundert
Wölfe von Gott ausgesandt worden sein, um dem gotteslästerischen
Verhalten von Soldaten der Armee von Urbino Einhalt zu gebieten, die den
Kirchenschatz von Loreto stehlen wollten. Heilige wurden mehrfach von
Wölfen gegen wilde Bestien (!) beschützt. Diese Werwölfe wurden als
unschuldige und gottesfürchtige Personen angesehen, die unter dem bösen
Zauberer anderer litten. So ging es auch vielen Prinzen und
Prinzessinnen, die in den Märchen der indo-germanischen Völker als Wölfe
auftreten. Sobald aber ein solches Wertier Menschen verletzte, war es
verflucht diese Form für immer zu behalten. Magier und Priester konnten
die tierische Gestalt durch verschiedene Mittel, wie zum Beispiel dem
Kreuz, austreiben. Das Exorzieren des Werwolf-Fluchs schien dabei
erheblich einfacher als das Austreiben des Fuchs eines chinesischen oder
japanischen Besessenen. Manchmal reichte es, den Namen des Besessenen
drei mal im Namen des Vater, des Sohnes und des Heiligen Geistes
auszurufen, oder die Stirn des Besessenen dreimal mit einem Messer zu
schlagen.
Dieser etwas längliche Exkurs soll zeigen, dass der gleichen
grundlegende Glaube an die Möglichkeit der Gestaltwandlung, mit in der
Folge zu missbilligende und manchmal gute Taten, im Westen wie im Osten
existierte. In Asien war es oft eine Verwandlung eines symbolhaften
(und damit vermenschlichten) Tieres, das menschliche Gestalt annahm. In
Mitteleuropa der Lykanthrop, wörtlich "Wolfsmensch", wobei sich ein Mensch
die Form eines Tieres, fast immer eines Wolfs, annahm. In anderen
Gegenden wird Lykanthropie in der Regel mit dem am "gefährlichsten" Tier
des Landes verbunden. In Nordeuropa wird der Platz des Wolfs oft vom Bär
übernommen, wie auch zum Teil bei den Ainu im nördlichen Japan. Wir
haben die Tiger-Verwandlung in China beschrieben, welche auch in Indien
bekannt ist. In Afrika werden Menschen zu Leoparden, Hyänen oder Löwen.
In Südamerika zu Jaguar. Aber auch harmlose Tiere wie Rehe kommen als
Form der Lykanthropie vor. Dabei ist klinische Lykanthropie aus
psychiatrischer Sicht eine krankhafte Einbildung ähnlich der Hysterie
oder Schizophrenie, in der der Betroffene glaubt in ein Tier verwandelt
zu sein und sich dementsprechend benimmt. Diese Sicht ist demnach
verwandt mit der Besessenheit von einem Fuchs (oder einem anderen Tier)
im Fernen Osten. Wie die Besessenheit in China und Japan existiert
Lykanthropie als Krankheitsbild in vielen weniger entwickelten Kulturen
Europas, Afrikas, Indonesiens und so weiter. Manchmal nimmt dabei das
Innere des Menschen die Form eines Tieres an, bricht aus und handelt an
seiner statt.
Im Grunde könnte es sein, dass die Idee einer Transformation sich aus
dem recht weit verbreiteten Glauben schamanistischer Stämme begründet,
dass ein Mensch die Gestalt seines Krafttieres annehmen kann.
Allerdings, und dies ist ein wichtiger Aspekt, so universell
Lykanthropie ist, so sehr vernachlässigt sie die Transformation eines
Tieres in menschliche Gestalt. Während der Schamanismus auch diese
Möglichkeit beinhaltet, gibt es in unseren Legenden und Aberglauben nur
den Vampir, der zur Jagd auf seine Opfer gelegentlich menschliche
Gestalt annimmt. Die Bakeru (Verwandlung) von Tiergeistern scheint auf
das fernöstliche Asien beschränkt zu sein. Auf der anderen Seite wird
die Macht sich in ein Tier zu verwandeln im Fernen Osten hauptsächlich
den taoistischen Magiern oder Zauberern in China zugeschrieben. In Japan
gibt es volkstümlichen Geschichten dieser Art anscheinend nicht, aber alte
Überlieferungen legen die Vermutung nahe, dass bestimmte Häuptlinge der
Urbevölkerung als starke Tiere beschrieben wurden. Möglicherweise ein
weiterer Link zum Schamanismus.
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Letzte Änderung: 2004-01-18 |
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