The Boy Who Cried Wolf

Die Geschichte von einem Hirtenjungen, der seine Umgebung solange zum Narren hält, bis ihn niemand mehr ernst nimmt und er ins Verderben stürzt, ist vielleicht noch aus dem Englischunterricht bekannt. Allerdings müssen wiedermal Wölfe als Bedrohung herhalten; verständlich also, dass die Wölfe ihre ganz eigene Version der Geschehnisse haben.
 

"Versuch nicht zu schreien. Hier hört dich sowieso keiner." Der Werwolf blickt dem Hirtenjungen direkt in die Augen und senkt die Stimme. "Versuch auch nicht zu rennen, ich bin schneller." Nicht dass der Hirtenjunge, gelähmt vor Schreck, dazu in der Lage gewesen wäre. Bleich starrt er das Wesen vor ihm, halb Mensch, halb Wolf an. Groß, zumindest größer als er, muskulös, der Torso der eines Menschen, der Kopf der eines Wolfs. Aufrecht stehend wie ein Mensch, aber der ganze Körper von Fell bedeckt, goldbraun, an Bauch und Brust cremefarben. Um die Taille gebunden ein Lendenschurz und ein Beutel aus Ziegenleder. Seine Hände -- auf den ersten Blick Pfoten, mit schwarzen Kralle. Aber anders als Pfoten könne diese Hände greifen.

Und er greift zu, mit dem rechten Hand, greift die Schulter des Hirten, hält ihn fest. Mit gesenkte Stimme versichert er: "Ich werde dich nicht fressen." Er zieht ihn an sich ran, so dass seine Nase fast die des Jungen berührt, während er spricht spürt der Hirte seinen heißen Atem im Gesicht. "Ich werde dich nicht einmal verletzen. Auch wenn du es verdient hättest." Dann lässt der Wolfsmensch den Jungen los, der drei Schritte nach hinten strauchelt. "Warum?" Der Werwolf lacht kurz auf. "Warum, du Taugenichts? Das weißt du nicht? Du, der sich einen Spaß daraus machst, schreiend ins Dorf zu rennen, 'Wölfe, Wölfe' rufend? Du, der sich dann diebisch über die Panik deines Vaters und der Nachbarn freust?" Das Fell des Wolfsmenschen sträubt sich, die Ohren legt er an. Mit hochgezogenen Lefzen knurrt er: "Du, der mein Rudel und mich mit deinen Scherzen grundlos in Gefahr bringst? Obwohl wir nie eines deiner Schafe angerührt haben?" Der Hirte, zum wütenden Werwolf rückwärts weiter Abstand suchend, stolpert, fällt auf den Rücken. "Aber es war doch nur Spaß!" bringt er panisch hervor. Der Wolf beugt sich über ihn, fixiert ihn mit seinen Vorderpfoten auf den Schultern am Boden, die Schnauze dicht an seinem Gesicht. Er flüstert "Ja, es macht Spaß, wenn andere Angst haben, nicht wahr? Und man selbst lachend daneben steht, nicht wahr? Aber ich..." Der Werwolf zieht den Hirten hoch und stellt ihn wieder auf die Füße, "aber ich kann daran nichts lustiges finden."

Aschfahl steht der Hirtenjunge auf der Weide am Rande des Waldes. Der Werwolf setzt sich auf einen umgefallenen Baumstamm und mustert ihn. Ein barfüßiger junger Kerl, schmächtig, dunkle zerzauste Haare. Er trägt ein dreckiges graues Leinenhemd, seit Wochen ungewaschen, aber immerhin ohne Löcher. Dazu eine zerschlissene braune Lederhose mit eingerissenen Trägern. Bemerkenswert aber sind die großen braunen Augen, aus denen die blanke Panik spricht.

"Nun, du hast schon viel Unruhe gestiftet in deinem jungen Leben. Wie alt magst du sein? Vierzehn? Fünfzehn?" Der Hirte nickt und der Wolf fährt fort: "Entschuldige bitte, wenn ich die Jahre nicht mehr zähle, seit ich die Gemeinschaft der Menschen mit der der Wölfe getauscht habe. Es bricht mir das Herz, wenn ich sehe wie dein Vater unter deiner Unzuverlässigkeit und deinen Lügen leidet. Vor allem kann ich es nicht zulassen, dass meine Familie durch deine Streiche gefährdet wird." Der eingeschüchterte Hirte nickt schweigend. "Deshalb endet heute dein Leben." Beruhigend fährt der Wolfsmensch fort: "Keine Sorge, es beginnt ein neues. Eines, wo du das Maul aufreißen kannst soviel du willst, und gleichzeitig deinem Vater zu Nutze bist. Zieh deine Kleidung aus." Der Junge sieht ihn nur groß an. "Mach schon, oder muss ich dir dabei helfen?" Der Hirte tut zitternd wie ihm geheißen.

Der Werwolf erhebt sich, greift in seinen Beutel und zieht einen Lederriemen raus. Mit Furcht blickt ihn der Junge an. "Nein, ich werde dich nicht schlagen." Der Wolfsmensch stellt sich hinter den Jungen, legt ihm den Riemen stramm um die Taille und setzt die Enden aufeinander, die sich sofort miteinander verbinden, so dass kein Anfang oder Ende mehr festzustellen ist. Mit leiser Stimme spricht er ihm ins Ohr. "Es gibt viele Arten dieser Gürtel. Man kennt sie als Wolfsgürtel, und es wird behauptet, sie seien aus Wolfs- oder Menschenleder. Das ist natürlich Unsinn. Die meisten sind aus Schweinsleder. Erst ein Zauber gibt ihnen ihre Wirkung. Die kann sehr unterschiedlich sein." Mit einer Mischung aus Angst und Faszination beobachtet der Hirte, wie der Gürtel mit seiner Haut verschmilzt, bis nur noch zwei dünne, dunkle Linien wie Striemen an den Rändern sichtbar sind. Ungläubig tastet er den Gürtel ab, aber es ist kein Unterschied zu seiner Haut zu fühlen oder zu sehen. Nicht einmal eine Erhebung oder Verdickung an den Linien.

Der Werwolf begibt sich zurück zu seinem Sitzplatz auf dem umgefallenen Baum. "Einmal angelegt, bleibt der Gürtel für immer mit einem verbunden. Ich trage meinen seit Kindertagen. Während der großen Hungersnot haben mich meine Eltern ausgesetzt, sie konnten mich nicht mehr ernähren. Mutter Geba fand mich. Sie war zu arm, um mich aufnehmen zu können, aber sie sagte mir, ihre Freunde könnten mir zeigen, wie ich mich selbst ernähren könne. Und so führte sie mich zu ihren Freunden. Es war ein Rudel Wölfe. Dann band sie mir den Gürtel um. Aus dem Menschenkind wurde ein Wolfswelpe und das Rudel seine Familie. Leider machen die Menschen hier viel Ärger. Als ich alt genug war lernte ich, wieder menschliche Gestalt anzunehmen, damit ich meine Familie vor den Nachstellungen aus dem Dorf schützen kann." Der Hirte sieht schamvoll auf den Boden, schließlich fragt er "und was passiert jetzt mit mir? Werde ich auch ein Wolf?" Der Wolfsmensch schüttelt den Kopf. "Dich können wir als Wolf nicht gebrauchen, du würdest uns nur noch weiter in Verruf bringen. Ich sprach ja davon, dass du deinem Vater endlich zum Nutzen sein wirst. Mutter Geba hat dir einen besonderen Gürtel gemacht. Sieh ihn dir an, den Gürtel der jetzt eins mit dir ist!"

Der Streifen des Gürtels, gerade noch glatte Haut, ist nun dicht mit kurzem Fell bewachsen. Der Junge greift um sich herum, fühlt die Haare, die vorne weich und hinten struppig sind. Fragend sieht er den Wolfsmenschen an, der ihn aber nur angrinst. Der Hirte sieht wieder auf seinen Bauch, streicht mit der flachen Hand über das helle Fell des Gürtels. Wie gut es sich doch anfühlt... Er streicht über seinen Bauch, feine Haare wachsen jetzt da, zum Gürtel hin immer dichter werdend, bis zum Weiß des Gürtels. Auch nach unten breitet sich das Fell aus. Auf den Oberschenkel wächst innen weißes Fell, außen graues. Er kann zusehen, wie das graue Fell seine Unterschenkel anfängt zu bedecken, und dann seine Füße. Er wendet seine Aufmerksamkeit dem Oberkörper zu, Bauch und Brust sind bereits vollständig weiß, auf seinen Armen sieht er graues Fell wachsen. Dann streicht er über seinen Hals, das Fell im Nacken ist länger, buschig. Er tastet den Kopf ab. Seine Ohren sind länger, sie wachsen nach hinten über seinen Kopf. Das Gesicht fühlt sich irgendwie dick an. Und immer noch hat er keine Idee, in was er sich verwandelt.

Fragend blickt er den Werwolf an. "Du wirst gleich erkennen, was du bist. Mit dem Gürtel geht es recht schnell und schmerzfrei, andere Wege dauern Wochen und sind äußerst unangenehm. Nur mit dem Gürtel hast du eine Chance, jemals wieder menschliche Gestalt anzunehmen. Jedoch, bevor du wieder ein Mensch werden kannst musst du erst bewiesen haben, dass du doch für etwas gut bist. Wenn du dich dann überhaupt noch daran erinnern kannst was du mal warst. Je sturer du dich anstellst, desto länger wird es dauern. Je länger es dauert, desto mehr verblasst die Erinnerung. Oder vielleicht willst du dann ja auch garnicht mehr Mensch sein. Ich für meinen Teil bin lieber bei meinem Rudel als mich um Leute wie dich kümmern zu müssen."

Ein ziehendes Gefühl in Armen und Händen lässt den Hirtenjungen wieder auf seine Verwandlung blicken. Sein Oberarm wird länger, während seine Finger sich miteinander verbinden. Die Fingernägel sind bereits abgefallen, statt dessen wächst eine einzige, schwarze Schicht auf den mittleren drei Fingerspitzen, die rapide an Dicke gewinnt. Und bevor er es begreift, passiert das gleiche mit seinen den Füßen. "Ich werde ein Pferd?" fragt er, mit schon brüchiger Stimme. "Ein Pferd kann dein Vater nicht durchfüttern. Ein Esel schien uns angebrachter. In jeder Hinsicht." Der Eselsmensch blickt auf seine Füße, während sein Schweif um die Beine streicht. Hufe. Ein Esel steht auf Hufen. Also stellt er sich auf die Zehenspitzen. Viel bequemer. Er will sich wieder auf den flachen Fuß stellen, beinahe stürzt er dabei, es geht nicht mehr. Ein Esel also.

Esel waren ihm schon immer sympathisch, mehr noch: sie wirkten eine besondere Faszination auf ihn aus. Manchmal stellte er sich vor, einer zu sein. Er träumte sogar davon. Aber will er einer sein? Er ist, war, nein, ist doch ein Mensch. Er will kein Esel sein! Er ist ein Mensch, zum Teufel! Er will ein Mensch bleiben! Er muss einer bleiben! Bislang ungekannte Wut steigt in ihm auf. In Rage versucht er auf den Werwolf loszugehen. Jedoch er fällt schon mit dem ersten Schritt. Er fällt und landet auf seien Vorderhufen. Versucht sich wieder aufrecht hinzustellen, aber fuchtelt nur unbeholfen mit den Vorderbeinen in der Luft. Und fällt auf den Rücken. Der Eselsmensch rollt sich auf die Seite, spuckt seine menschlichen Zähne aus, atmet tief durch die Nase ein, und meint doch, nicht genug Luft zu kriegen. Schnappt wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft. Wann hat sich die Hüfte so verformt, dass er nicht mehr aufrecht stehen kann? Wann die Schulter? Wächst sein Brustkorb nicht gerade? Der Hals wird länger, oder ist das vorher schon passiert? Und plötzlich teilt sich das Blickfeld, er atmet wieder durch die Nase, immer mehr Luft strömt durch die Nüstern.

Er schließt die Augen, atmet zweimal tief ein. Öffnet die Augen, nimmt zum ersten mal seinen gewaltige Blickwinkel als ein einziges Bild wahr. Auch Zähne sind ihm wieder gewachsen. Er spürt, die Verwandlung ist vollendet. Vorsichtig steht er auf. Etwas wackelig noch, auf vier Beinen, desorientiert, steht der einstige Hirtenjunge zwischen den Schafen.

Der Wolfsmensch aber hockt sich hin und in kurzer Zeit verschwindet alles menschliche auch aus seiner Gestalt. Nur einen Augenblick später ist der Wolf im Zwielicht des Waldes verschwunden. Gegen Abend erscheint der Vater des Jungen auf der Weide am Waldesrand, einen Hanfstrick in der Hand. Wortlos sammelt er die Kleidung seines Sohnes ein, legt dem Esel den Strick an und führt ihn von der Weide. Nur die Ohren eines Wolfs können hören, wie der Mann zu seinem Esel flüstert: "das hast du jetzt von deinen Lügen."

Copyright, 2005 by Jörg Reuter